Blog

Plan oder Loslegen?

Mal so, mal so – jeder Text braucht etwas anderes.

Meine Aufgabe ist, herauszufinden, was das ist. Meine Grundregeln: Eins. Ich setze mir Deadlines (wenn es nicht ohnehin einen Abgabetermin gibt). Zwei. Ich lasse mich auf das Wechselspiel zwischen freiem Stoffentwickeln („loslegen“) und Konzeption („Plan“) ein. 

Exkurs ins Theater. Hier ist der Zeitplan mein Freund.

Diesen Herbst setze ich z.B. ein Libretto mit Uraufführung im Mai 2028 um. Noch Monate hin! Jahre gar! Aber hoppla: Komponistin braucht Sprachbilder, Dramaturgin braucht Handlungsbogen, Gespräche, Austausch, jemand krank, jemand im Urlaub, Besetzung ändert sich. Ohne Plan: Alpträume, in denen ich mit Figuren diskutiere. Mit Zeitplan: Okay, was ist der nächste Schritt? Der Zeitplan eröffnet die Räume fürs Spiel. 

So weit! Wir spielen:

Was braucht der Stoff? Warum sollte dieser Text zum jetzigen Zeitpunkt von mir geschrieben werden? Ich sammle Referenzen und Bruchstücke: Bücher? Fotos? Filme? Musik? Anekdoten? Manchmal stelle ich ein Moodboard zusammen, oft skizziere ich mit der Hand und schreibe mich so in die Momente von Unzufriedenheit, Irritation, Faszination hinein. Der Mangel muss schreibend beobachtet werden. 

Erst, wenn ich genug Skizzen gesammelt habe, wechsle ich in die Konzeptionsperspektive und probiere eine Struktur oder einen Handlungsbogen. So kristallisieren sich dann meistens die jeweilige Sprachlichkeit und die innere Logik des Texts heraus.

Wer sich für diese Art des Arbeitens interessiert: Ein guter Einstieg ist David Lynchs „Catching the big fish“. Da schreibt Lynch über seine Meditationspraxis und deren Einfluss auf sein Kunstschaffen. Interessanterweise unterscheidet sich die Schrift in ihrer Klarheit komplett von seinen Filmen. Ich finde den Text zentral. 

Radikales „Loslegen“ hat für mich auch immer mit Scheitern dürfen zu tun.

Je mehr äußere Ressourcen und Sicherheiten, desto weniger Gedanken über die unmittelbare ökonomische Verwertbarkeit eines Experiments sind nötig. 2025 habe ich ein Stipendium vom Deutschen Literaturfonds bekommen. 2025 war mein bisher herausfordernstes Schreibjahr. 

So wechseln sich auf meinem Schreibtisch „Plan“ und „Loslegen“ je nach Prozessphase und Produktionsbedingungen ab. 

31. August 2026